Je lis Charlie

 

 

Auf einmal waren sie alle „Charlie“. Eine Welle der Solidarität erfasste das Abendland – wer nicht mitmachte, geriet schnell in den Verdacht, mit dem Terrorismus zu sympathisieren.

Dennoch: Mein Slogan war dieses „Je suis Charlie“ nicht. Die politisch-ideologische Ausrichtung dieses Satireblattes ist nicht die meine; zwar finde ich manche ihrer Beiträge hervorragend, andere aber geschmacklos, abstoßend und beleidigend. Nein, ich bin nicht Charlie – „je ne suis pas Charlie“.

Aber „je lis Charlie“: Ich lese Charlie. Seit vielen Jahren zwar nicht regelmäßig, immerhin jedoch mehr als nur sporadisch. Und jetzt erst recht, und zwar regelmäßig, Woche für Woche. Das ist meine Form von Solidarität. Eine Redaktion, der einige der kreativsten Köpfe brutal weggeschossen wurden, lässt man nicht im Stich. Man muss „Charlie Hebdo“ nach diesem Terrorschlag helfen, wieder Tritt zu fassen. Und wer könnte einer Zeitung mehr helfen als möglichst viele Leser!

Das sind eben die zwei Seiten dieser Medaille namens Presse- und Meinungsfreiheit: Hier die Freiheit des Journalisten, zu kritisieren und anzuprangern, auch mit den überspitzten Mitteln der Satire, da die Freiheit des Lesers, sich bestätigt zu fühlen, sich zu amüsieren oder auch sich zu ärgern. Beides ist gleichermaßen unverzichtbar. Daher war der Mordanschlag auf „Charlie Hebdo“ auch ein Anschlag auf unser aller Freiheit – und damit auf unsere demokratische Grundordnung.

Solidarität heißt eben auch, zu wissen, auf welcher Seite man zu stehen hat: auf jener der Opfer und nicht der Täter. Für die Mordtaten dieser Terroristen, die sich ja ausgerechnet auf jenen Islam berufen, mit dem sie angeblich „nichts zu tun haben“, gibt es weder religiöse noch überhaupt eine Entschuldigung oder Rechtfertigung.

Nachdem es eine Zeitlang ruhig geworden war um das Pariser Satireblatt – das Attentat schien vergessen, von anderen Sensationen aus den Schlagzeilen verdrängt – und niemand mehr „Je suis Charlie“ verkündete, drohte zweitweisesogar ein bitteres Ende: Die Redaktion, also die Überlebenden des Mordanschlags, schien auseinander zu fallen. Einige wollten sich nicht einschüchtern lassen, wollten weiterhin den islamistischen Terror und die ihn stützende Ideologie mit den schärfsten Mitteln der satirischen Übertreibung anprangern. Andere wollten zurückstecken, um nicht weitere Gewalttaten zu provozieren.

Sind also die einen mutig, die anderen feige? So einfach sollte man es sich nicht machen. Es gibt weit weniger dramatische Anlässe, traumatisiert zu sein, als das, was diese Redaktion erlebt und überlebt hat; da ist es doch mehr als verständlich, irgendwann der eigenen Sicherheit Vorrang zu geben. Andererseits: Ein Satireblatt, das sich der Zensur beziehungsweise Selbstzensur unterwirft und auf satirische  Überspitzung verzichtet, entzieht sich selber seine Existenzberechtigung.

Daran ändern auch die jüngsten Terroranschläge in Paris nichts. Im Gegenteil: Das rechte Mass zwischen Freiheit und Sicherheit zu finden, ist nun noch schwieriger. Die Antwort von "Charlie Hebdo" auf diese feigen Mordtaten ist mutig: Ihr habt die Waffen, wir den Champagner. Mancher mag das für makaber halten. Das wahrhaft Makabre aber sind die Taten und nicht die satirischen Reaktionen darauf, mögen diese auch noch so überspitzt und vielleicht sogar geschmacklos sein.

Meinungsfreiheit bedeutet eben auch: Ich lasse mir weder von Terroristen noch von extremistischen Ideologen – egal ob links oder rechts – vorschreiben, wovon ich mich bestätigt sehe oder worüber ich mich ärgere. Darum, werte Kollegen von "Charlie Hebdo", macht weiter so! Und darum hole ich mir bei meinem Rosenheimer Zeitungshändler weiterhin Woche für Weoche "meinen" Charlie Hebdo", ärgere mich über dieses, amüsiere mich über jenes, fühle mich in diesem bestätigt und von jenem abgestossen. 

Je lis Charlie – jetzt erst recht!

Hans-Jürgen Mahlitz