Ausstieg aus dem Ausstieg?

Aus der Kernkraft sind wir ausgestiegen, nicht aber aus deren Kernproblem: Wohin mit der strahlenden Hinterlassenschaft unserer Atomreaktoren? Für Millionen Jahre einlagern? Aufarbeiten und wiederverwerten? Oder einfach ins Weltall schießen? Die Diskussion scheint festgefahren, seit im Rahmen der so genannten Energiewende die Suche nach einem sicheren Endlager wieder quasi bei Null begonnen hat. Eine überzeugende Lösung ist - da sind sich Gegner und Befürworter der Kernenergie ausnahmsweise einmal völlig einig - unverzichtbar, leider aber in weiter Ferne. Bis dahin aber wird es zumindest in Deutschland keine öffentliche und erst recht keine veröffentlichte Akzeptanz für Atomstrom geben.

Das könnte sich ändern, wenn es nach den Plänen des Berliner Instituts für Festkörper-Physik (IFK) geht. Dort wurde ein Kernreaktor entwickelt, der in der Lage sein soll, hoch radioaktive abgebrannte Brennelemente aus konventionellen Atomkraftwerken erneut als Brennstoff zu verwenden und zum großen Teil in elektrischen Strom umzuwandeln. Nur noch ein geringer Teil bliebe letztlich als Atommüll übrig, der sicher endgelagert werden muss.

Steckdose statt Gorleben - eine auf den ersten Blick bestechende Alternative. Sollte das Konzept funktionieren, wären wir auf einen Schlag fast alle Endlagerungsprobleme los. Und mehr noch: Wir hätten genügend Brennstoff zur Verfügung, um den steigenden Energiehunger der Menschheit auf Jahrzehnte zu stillen.

Der vom Berliner IFK konzipierte Flüssigsalzreaktor stützt sich auf eine Idee, die Leslie Dewan und Mark Massie, zwei Doktoranden des US-amerikanischen Massachusetts Institut of Technology (MIT), vor zwei Jahren öffentlich präsentierten: Radioaktive Abfälle sollen in Salz eingeschmolzen und als kugelförmige Reaktor-Brennelemente eingesetzt werden. Dieser Vorgang soll so lange wiederholt werden, wie sich im Abbrand noch nennenswertes Energiepotential in Form radioaktiver Spaltprodukte findet. Steuerung und Moderation der Neutronen, welche die nukleare Kettenreaktion in Gang halten, orientieren sich an Erfahrungen mit Brutreaktoren (zum Beispiel Kalkar, SNR-300).

Im Vergleich mit konventionellen Leichtwasserreaktoren schneidet dieses Konzept laut Leslie Dewan hervorragend ab. Statt der üblichen 20 Tonnen Strahlenabfall pro Jahr erzeuge ein vergleichbar leistungsstarker Flüssigsalzreaktor nur wenige Kilogramm Atommüll, rechnete die inzwischen promovierte Wissenschaftlerin vor zwei Jahren vor. Und weiter: Würden die 270.000 Tonnen Atommüll, die jährlich weltweit in Kernkraftwerken anfallen, recycelt statt end- oder zwischengelagert, könnte damit der Weltenergiebedarf für sieben Jahrzehnte gedeckt werden.

Diese Idee, die auf damals noch erfolglosen amerikanischen Vorarbeiten in den 60-er Jahren basiert, griff das Berliner Institut auf und wollte seine Ergebnisse auf der Preisverleihungs-Gala der "GreenTec Awards" präsentieren. Bei einer Online-Umfrage der Veranstalter (Schirmherr: der damalige Bundesumweltminister Peter Altmaier) war die Neuerung, die sich nun "Dual-Fluid-Reaktor" (DFR) nennt, sogar für einen der begehrten Preise nominiert worden. Dennoch wurde das IFK von der Teilnahme ausgeschlossen, woran auch ein juristisches Hickhack vor dem Berliner Kammergericht nichts ändern konnte - offenbar darf im Lande der Energiewende alles, was positiv mit Atomkraft zu tun hat, nicht öffentlich in Erscheinung treten.

Natürlich ist die Kritik am DFR zum Teil sachlich berechtigt: Sicherheitsprobleme sind angesichts hoher Materialbelastung  noch weitgehend ungelöst; auch steht ein Praxistest noch aus, und ob die Kosten wirklich niedriger sein werden, kann nach allen Erfahrungen mit Großprojekten der Öffentlichen Hand durchaus bezweifelt werden. Immerhin aber versucht das Berliner Institut, deutsche Kernforschung und -technologie, einst weltweit in der Spitzengruppe, angesichts einer globalen Renaissance der Kernkraft im Geschäft zu halten. Die deutsche Politik scheint daran kein Interesse zu haben. Ausstieg aus dem Ausstieg - das darf nicht einmal gedacht werden.