Ende ohne Schrecken oder Schrecken ohne Ende?

Quo vadis Europa? Quo vadis Griechenland? Hintergründe einer schier endlosen Tragödie

Epimenides wusste es schon vor zweieinhalb Jahrtausenden: Dem vorsokratischen Dichter und Denker, der irgendwann im 5., 6. oder 7. Jahrhundert v. Chr. in Knossos auf Kreta lebte, wird die Erkenntnis „Alle Kreter lügen“ zugeschrieben. Da er selber Kreter war, geriet der Satz zum klassischen Paradoxon – lügt er oder lügt er nicht? Oder schafft er es, gleichzeitig zu lügen und nicht zu lügen?

Sollte der Satz, den einst auch der Apostel Paulus in einem seiner Briefe zitierte, zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten sein, so erfuhr er in den letzten Monaten unverhoffte Aktualität. Vor allem durch den griechischen Kurzzeit-Finanzminister Yanis Varoufakis. Der ist zwar gebürtiger Athener, sein Name deutet aber auf kretische Herkunft hin. Denn auf der größten Insel des Landes enden nahezu alle Familiennamen auf „akis“. Und nach den jüngsten Erfahrungen scheint der Festlandgrieche mit dem kretischen Namen wohl auch dafür zu stehen, dass der legendäre Satz des Epimenides nicht nur für die Insel, sondern für ganz Hellas gilt. Zumindest für jene Griechen, die dieser merkwürdigen Regierungskoalition aus Ultralinken und Ultrarechten angehören oder anhängen. Monatelang haben Ministerpräsident Alexis Tsipras und seine Gefolgsleute, die in deutschen Fernsehhäusern von Talkshow zu Talkshow tingeln durften, dreist jeden angelogen, der ihnen in Hörweite geriet: die Verhandlungspartner in Brüssel und Berlin, das europäische TV-Publikum, die Parlamente der Partnerländer und nicht zuletzt das eigene Volk.

Da wollte so mancher sich selbst für kritisch haltende Kleingeist in deutschen Redaktionsstuben nicht zurückstehen – was die Griechen und insbesondere die Kreter laut Epimenides schon immer konnten, das können wir erst recht! Gebetsmühlenartig wurde uns vorgejammert, was alles „tragisch“ und katastrophal ist im Staate Hellas –natürlich alles Schuld von Brüssel und Berlin, Schäuble und Merkel, Juncker und Lagarde. Verschwörungstheoretiker erschlossen neue Rekorde: Nicht mehr nur diese oder jene geheimnisvolle Macht, sondern gleich die ganze Welt hatte sich demnach gegen das wackere Volk der Griechen verschworen.

Oft stimmten die Fakten und Zahlen nicht, und wenn sie doch einmal stimmten, dann wurden sie in falsche Zusammenhänge gestellt. Beispiele gefällig?

• Das staatliche griechische Elektrizitätswerk habe, so erfuhren wir, Beitragsrückstände von mehr als zwei Milliarden Euro – angeblich eine Folge der Berliner Sparpolitik, weil die Menschen zu arm seien, um ihre Stromrechnung zu bezahlen. Als Mieter einer Wohnung in Rethymnon/Kreta habe ich aber eine ganz andere Erfahrung gemacht: Eines Tages waren Strom und Wasser abgesperrt, weil der Eigentümer, ein in Athen lebender kretischer Kollege, seit drei Jahren die Rechnungen nicht bezahlt, wohl aber jedes Jahr bei mir abkassiert hatte. Drei Jahre! So lange brauchten die Behörden, bis sie endlich bemerkten, dass da einer weder Strom noch Wasser bezahlte! Und unser Vermieter präsentierte eine Rechtfertigungsstory, die in Gregor von Rezzoris „Maghrebinischen Geschichten“ ein eigenes Kapitel hätte hergeben können.

• Krankenhauspatienten, so sahen wir in den täglichen TV-Extras und -Brennpunkten,  müssen von Angehörigen und Freunden gepflegt und versorgt werden – Schuld sind natürlich die EU und die Deutschen! Ich erinnere mich aber, wie einst die Mutter eines Bekannten ins Krankenhaus musste und immer abwechselnd einer der Söhne mitsamt Fresspaket von Kreta nach Athen fuhr, um die Mutter zu versorgen; das war vor dem EU-Beitritt des Landes. Ein funktionierendes Gesundheitssystem gab es damals so wenig wie heute.

• Überall im Lande, so enthüllte ein sonnengebräunter Jungredakteur nach mehrstündiger Intensiv-Recherche, stehen Bauruinen herum, weil die Menschen angeblich wegen der Krise, also wegen Schäuble und Merkel, nicht mehr weiterbauen können. Merkwürdig nur: Auch vor drei Jahrzehnten sahen wir überall im Lande Bauruinen herumstehen, besuchten gelegentlich Freunde, die eine fertiggestellte Etage mitten in einem Rohbau bewohnten. Damals gab es keine Krise und kein Spardiktat, wohl aber extrem hohe Hypothekenzinsen (bis zu 25 Prozent!). Also baute man, bis das Ersparte alle war, und baute ein Stück weiter, wenn man erneut etwas zusammengespart hatte. Auch wenn die Ursachen heute anders sind: Die Misere ist genauso wie früher.

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Vieles, was uns heute als vermeintliche Folge einer falschen EU-Politik verkauft wird, haben wir schon vor Jahrzehnte so oder so ähnlich erlebt, ohne Brüssel, ohne Merkel, ohne Schäuble. Die Missstände und Defizite, die Griechenland in die Staatspleite manövriert haben, sind nicht durch die EU-Rettungsprogramme entstanden. Wohl aber wurden sie teilweise durch den Euro verstärkt. Dessen Einführung hatte Athen durch Lug und Betrug erschlichen. Insofern dürfte es eigentlich sogar möglich sein, die Mitgliedschaft im Euro-System für von Anfang an nichtig zu erklären, so wie die Katholische Kirche eine Ehe zwar nicht scheiden, wohl aber annullieren kann.

Im Umkehrschluss muss man leider befürchten, dass auch weitere milliardenschwere Hilfspakete an den Ursachen der griechischen Misere nichts ändern werden. Nachdem Tsipras bei den jüngsten Wahlen wieder einmal mit Lügen, Verleumdungen und Schuldzuweisungen durchgekommen ist, wird er vermutlich so lange an diesem oder jenem Symptom herumdoktorn, bis die Kassen in Athen fürs erste hinreichend mit fremdem Geld gefüllt sind. Auf wirkliche Reformen aber, die dem griechischen Volk die Existenzfähigkeit aus eigener Kraft zurückgeben, werden wir wohl weiterhin vergebens warten.

Bemerkenswert auch, wo Tsipras mit seinem Zickzack-Kurs – heute dagegen, morgen dafür, übermorgen wieder dagegen, zwischendurch auch mal beides in einem Atemzug – Zustimmung findet: in Deutschland bei der sich Die Linke nennenden Fortsetzung der SED, bei den Grünen, in deren Kreisen es als chic bzw. cool gilt, alles zu bestreiten außer dem eigenen Lebensunterhalt, und im Lager rechts der demokratisch-bürgerlichen Mitte bis hin zu unappetitlichen Alt- und Neo-National-Sozialisten. Und ein ebenso unappetitliches Echo findet solche Gesinnung überall da, wo man „den Deutschen“ schon lange mal wieder zeigen wollte, wer den Zweiten Weltkrieg verloren hat.

Quo vadis Europa? Quo vadis Hellas? Es ist wohl kein Zufall, dass die Griechen, die einst auch die Tragödie erfunden haben, den Kontinent nun in eine wahrhaft tragische Lage bringen, in welcher der eine wie der andere Weg mit Streit, Leid und Schuld verknüpft ist. Und mit viel Geld, vor allem von denen, die schließlich das griechische Volk unterstützen und nicht demütigen wollten und weiterhin wollen.

Wie traurig für all jene, die immer noch frei nach Goethe „das Land der Griechen mit der Seele suchen“. Sie müssen sich von der Illusion verabschieden, dieses von PASOK, Nea Dimokratia und leider nun auch SYRIZA repräsentierte Volk habe noch etwas mit dem Volk des Sokrates, Homer oder Perikles zu tun. Ja, die von ihnen geprägte klassische Antike war die geistige Wiege der abendländischen Kultur (mit Mesopotamien und dem alttestamentlichen Palästina als „Paten“). Ja, Illias und Odyssee zählen zu den ältesten und bedeutendsten Dichtwerken, Aischylos, Sophokles und Euripides gaben bis heute gültig vor, was als dramatisch und tragisch zu gelten hat, Aristophanes erinnerte mit seinen Komödien daran, dass der Mensch auch mal was zum Lachen braucht, Thukidides und Herodot beschrieben Geschichte auf völlig neue Art, Euklid und Pythagoras rechneten vor, dass 2 mal 2 nicht alles ist, Perikles wagte es, das Volk an der Macht teilhaben zu lassen, Sokrates, Platon und Aristoteles erdachten neue Dimensionen – und Dionysos begoss das Ganze.

Aber was ist davon geblieben? Nur Epimenides, der Erfinder des Lügen-Paradoxons, so der in den letzten Jahrzehnten, verstärkt den letzten Monaten entstandene Eindruck. Es wird höchste Zeit, dass die Griechen aus eigener Kraft dieses schiefe Bild wieder zurechtrücken, statt in Brüssel und Berlin nach Schuldigen zu suchen. Dann können sie gern ihren historisch gewachsenen Platz in Europa wieder einnehmen. Das darf Europa sich dann auch etwas kosten lassen. Die entscheidenden Schritte aber können nur in Athen getan werden und sonst nirgendwo.

Hans-Jürgen Mahlitz