Der ewig Umstrittene

Zum 100. Geburtstag des bayerischen Partei- und Regierungschefs Franz Josef Strauß

 

 

Freie Auswahl bei Google: Die weltumspannende Krake unserer Internet-Welt bot zum Thema FJS wahlweise „Münchner Flughafen ehrt Strauß“ oder „Münchner Flughafen wird umbenannt“, beides Beiträge der „Welt“ zum herannahenden 100. Geburtstag des vor 26 Jahren verstorbenen Ex-Partei- und Regierungschefs. Die Satire, der zufolge man in München nicht mehr bei Franz Josef Strauß, sondern auf dem Ulli-Hoeneß-Airport startet und landet, lag bei den Seitenaufrufen vorn. 

 

Das entspricht dem Strauß-Bild, wie es in den zahlreichen Vorab-Beiträgen zum runden Geburtstag gezeichnet wurde. Kein anderer deutscher Politiker der Nachkriegszeit wurde und wird dermaßen verherrlicht und verteufelt wie Franz Josef Strauß. Der ewig Umstrittene, geboren am 6. September 1915 in München, ist für seine Anhänger immer noch der bedeutendste Politiker des 20. Jahrhunderts, seine Gegner hingegen zählen ihn zu den größten Bösewichten aller Zeiten. Antifaschisten sehen in ihm die Leitfigur alles Rechtsradikalen, fast schon eine Art zweiten Hitler, zumindest aber einen vom Schlage eines Franco oder Pinochet. Andererseits findet man nicht nur in Deutschlands Weißwurst-Arizona, sondern selbst im fernen Ostfriesischen durchaus ernst zu nehmende Menschen, die – angesichts des heutigen politischen Personals – sehnsüchtig von einem wie FJS träumen.

 

Aber was wäre denn, wenn er jetzt auf einmal wieder da wäre, im Vollbesitz seiner geistigen und physischen Kräfte? Sagen wir einmal, der Strauß von 1983/84: Die Wahlniederlage von 1980 hat er verschmerzt, den vorangegangenen Wahlkampf wohl eher nicht. Er hat sich damit abgefunden, dass nicht er, sondern Helmut Kohl für die Union das Kanzleramt zurückerobert hat. Seinen Platz sieht er nun in Bayern, baut seine Position als Partei- und Regierungschef so stark aus, dass er durchaus auch Einfluss auf die deutsche, europäische und globale Politik ausüben kann, wenngleich er im Umfeld des nicht sonderlich geliebten Kanzlers eher als einer gesehen wird, der in München als brüllender bayerischer Löwe abspringt und in Bonn als Bettvorleger landet. 

 

Die anhaltend heftigen Attacken der Medienmehrheit, angeführt vom „Spiegel“, der sich schon vor Jahrzehnten auf ihn eingeschossen hat, treffen ihn kaum noch. Wenn ihm danach ist, kontert er sie, mal deftig bayerisch, mal hochintellektuell – beides beherrscht er wie kaum ein anderer. 

 

Seine Position im Freistaat ist – anders als sein Image jenseits der Landesgrenzen – absolut unumstritten. Auf regionaler, Landes- und Bundesebene holt er für seine Partei Wahlergebnisse, die in nördlicheren Gefilden der Republik mit einer Mischung aus Staunen, Misstrauen und Bewunderung zur Kenntnis genommen werden: In manchen oberbayerischen Wahlkreisen liegen sie näher an Honeckers sozialistischen 100 denn an Kohls demokratischen 41 Prozent (so das CDU-Ergebnis der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl ohne die Stimmen der CSU). 

 

Partei und Land sind von ihm geprägt; dazu gehört auch, dass Kritiker ihm nicht ganz zu Unrecht vorwerfen, beides gern auch mal miteinander zu verwechseln. Der ungekrönte König von Bayern kann den Freistaat fast nach Belieben gestalten, nicht nur aus Kabarettistensicht „ungestört von oppositionellen Umtrieben und frei von sonstigen Erschwernissen einer einst von den Alliierten aufgezwungenen Demokratie“.

 

Bayern ist das freilich nicht schlecht bekommen. Strauß vollzog erfolgreich den Umschwung vom landwirtschaftlich geprägten Armenhaus zum prosperierenden Hightech-Land; damit vollendete er, wozu sein Vorgänger Alfons Goppel die Weichen gestellt hatte. Dessen Verdienste werden heute leider nicht so gewürdigt, wie er es verdient hätte.

 

Die Politik des FJS war geprägt von seiner christlich-konservativen Grundhaltung. Mit engstirnig, ewiggestrig oder rückwärtsgewandt hatte das nichts zu tun. Im letzten Interview vor seinem Tod – mit dem Autor dieses Beitrags, damals Chefredakteur des „Deutschland-Magazin“ – betonte er: „Konservativ sein kann auch heißen, an der Spitze des Fortschritts zu stehen“. 

 

Wissen, woher man kommt, um dann auch zu wissen, wohin man gehen will, Vergangenheit bewahren und Zukunft gestalten– das war seine Devise. In anderen Worten: „Laptop und Lederhose“, wie es der Autor in einer Überschrift in der erwähnten Zeitschrift erstmals formuliert hatte.

 

FJS entstammte einer streng katholischen Familie. Der Vater war Metzger und pflegte seine strikt monarchistische und antipreussische Haltung. Der 1915 in München geborene Sohn fiel schon als Schüler durch außergewöhnliche Intelligenz aus; 1935 legte er das seit fünf Jahren landesweit beste Abitur hin. 

 

Den National-Sozialismus lehnte er, wie die ganze Familie, strikt ab. Nur um das Studium alter Sprachen zu ermöglichen, trat der dem NS-Kraftfahrerkorps bei, trat aber bei nächster Gelegenheit 1939 wieder aus.

 

Nach dem Krieg startete der 30-Jährige eine steile politische Karriere: Stellvertretender Landrat, Mitbegründer und ab 1949 Generalsekretär der CSU, Mitglied des Dreizonen-Wirtschaftsrats in Frankfurt/Main, Mitglied des Deutschen Bundestags ab 1949. Konrad Adenauer ernannte ihn 1953 zum Bundesminister für besondere Aufgaben, 1955 zum Bundesminister für Atomfragen und ein Jahr später zum Verteidigungsminister. Sein Traumamt, das ihm dennoch dauerhaft kein Glück brachte: Trotz anfänglicher Erfolge beim Aufbau der Bundeswehr blieb er der Öffentlichkeit eher als gescheiterter Selbstverteidigungsminister in wenig ruhmvoller Erinnerung. Dafür sorgte vor allem Rudolf Augstein: Der Gründer und Herausgeber des „Spiegel“ hatte in Strauß das Feindbild gefunden, an dem alle Kritik an dieser jungen Bonner Demokratie und ihrer von Adenauer betriebenen, zu Augsteins Bedauern nun einmal nicht linken Politik aufhängen ließ. Egal, wie berechtigt oder unberechtigt die wöchentliche „Spiegel“-Schelte war – Strauß war immer an allem schuld.

 

Natürlich hat er es seinem Widersacher Augstein oft auch leichtgemacht. Strauß war nicht nur hochintelligent, äußerst sachkundig, in politischen Fragen prinzipientreu und weitsichtig, sondern auch mit allerlei menschlichen Schwächen behaftet. Er trank gern, manchmal wohl auch ein Gläschen zu viel, klösterliche Enthaltsamkeit war nicht sein Ding, und auch rhetorisch ging dem sonst so glänzenden Redner hin und wieder der Gaul durch.

 

Die Wiedervereinigung Deutschlands hat er nicht mehr erlebt. Man kann darüber spekulieren, ob er Fehler beim Zusammenführen der beiden deutschen Teilstaaten hätte vermeiden können. Ebenso spekulativ ist es, zu fragen, wie er wohl mit dem aktuellen Flüchtlingsproblem oder mit der unglücklichen Entwicklung des europäischen Traums (der bei aller Skepsis auch der Seine war) umgehen würde.

 

Immerhin kann man vermuten, dass er in diesen Fragen immer mal für überraschende, unkonventionelle Ideen gut wäre. Wenn es darauf ankam, war seine Devise: „Tun, worauf es ankommt, nicht was ankommt!“ Und wenn ihm wieder einmal rechter Populismus vorgeworfen würde, dann würde er wohl frei nach Martin Luther dagegenhalten: „ Dem Volk aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden!“ So umstritten er war und auch immer noch ist: Einer wie er fehlt uns heute.

Hans-Jürgen Mahlitz