Die „Mutter Ostpreußens“

Zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin und Journalistin Ruth Geede

 

Sie ist – sowohl nach Lebens- als auch nach Berufsjahren – die weltweit älteste aktive Journalistin: Ruth Geede, vor 100 Jahren, am 13. Februar 1916, in Königsberg geboren, schreibt nach wie vor Woche für Woche ihre Kolumne „Ostpreußische Familie“ in der in Hamburg erscheinenden „Preußischen Allgemeinen Zeitung“.

 

Einst galt sie als eine Art literarisches Wunderkind. Schon in jungen Jahren schrieb sie Gedichte, mit 15 konnte sie erstmals eigene Werke in der Zeitung bewundern, mit 17 wurde sie in den Mitarbeiterkreis des Reichssenders Königsberg aufgenommen, für den sie nun regelmäßig Reportagen und Hörspiele verfasste. Mit 19 brachte sie ihr erstes Buch heraus, dem ein halbes Hundert folgen sollte. Nach der Vertreibung aus Königsberg absolvierte sie ein Redaktionsvolontariat bei der „Lüneburger Landeszeitung“, mit 34 schrieb sie die ersten Texte für das neugegründete Organ der Landsmannschaft Ostpreußen, „Das Ostpreußenblatt“, dessen Lesern sie bis heute treu bleiben sollte.

 

Und mit 85 diskutierte sie mit dem damaligen Sprecher der Landsmannschaft, Wilhelm von Gottberg, und dem damaligen Chefredakteur des Ostpreußenblattes, also dem Autor dieser Zeilen, über den künftigen Titel, unter dem das Blatt über den kleiner werdenden Kreis der Heimatvertriebenen hinaus Leser gewinnen sollte. Gottseidank fand Ruth Geede auch in solchen Gesprächsrunden immer eine Gelegenheit, eine Kostprobe ihrer grandiosen Erzählkunst zu geben.

 

So auch in dem letztlich entscheidenden Gespräch anno 2001: Zwischendurch erzählt Ruth Geede von jener 15-Jährigen, die damals, im Jahre 1931, mit leicht zitternden Knien vor dem riesigen Verlagsgebäude in der Königsberger Theaterstraße stand, in der Hand ein Manuskript mit dem Titel „Der Optimist und der Pessimist“.  Der Optimist siegte, die Zeitung druckte das Gedicht ab. Beiläufig fragte ich nach: „Wie hieß denn die Zeitung?“ – „Königsberger Allgemeine Zeitung“. Der Name blieb im Gedächtnis haften, und bald wurde daraus die „Preußische Allgemeine Zeitung“.

 

Die Entstehungsgeschichte dieses Zeitungstitels ist in mancherlei Hinsicht symptomatisch für das literarische und journalistische Lebenswerk von Ruth Geede. In ihren Texten geht es immer wieder um jenes Ostpreußen, wie es einst ihre Heimat war, und um das Schicksal jener Menschen, die wie sie selber aus dieser Heimat vertrieben wurden und oft mühsam ein neues Leben aufbauen mussten. Was sie schreibt ist – fast – immer Vergangenheit, aber nie ewiggestrig. Im Gegenteil: So, wie der Zeitungstitel von „anno dazumal“ in der Gegenwart zum Titel der Zukunft führte, so die heute von ihr beschriebenen Schicksale aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren nicht historisierender Selbstzweck, sondern münden auch heute noch oft in eine wundersame Zusammenführung von Verwandten oder Freunden, die sich seit Jahrzehnten aus den Augen verloren hatten.

 

Die Zusammenarbeit mit Ruth Geede war aus der Sicht des Chefredakteurs ein Glücksfall. Seither weiß ich, was unter preußischer Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit zu verstehen ist. In all den Jahren habe ich es nicht einmal erlebt, dass ein Manuskript von ihr nicht pünktlich eingetroffen wäre. Hinzu kommt, dass mir in ihrer Person eine ‚Art „lebendes Lexikon“ zur Verfügung stand. Mehr noch – oft hat sie Fakten, Zahlen, Daten, Namen und Zusammenhänge parat, die in keinem Lexikon nachzulesen sind. Und gerade wenn es um die Gestaltung der Gegenwart und den Weg in die Zukunft geht, ist diese so unglaublich lebens- und berufserfahrene Kollegin die beste Ratgeberin, die man sich wünschen kann. Nicht nur die „Ostpreußische Familie“ braucht eine solche „Mutter Ostpreußens“.

Hans-Jürgen Mahlitz, Chefredakteur a. D. des Ostpreußenblattes

und gemeinsam mit Ruth Geede und Wilhelm v. Gottberg

Mitgründer der Preußiscghen Allgemeinen Zeitung