Niederlage? Befreiung? Mein Kriegsende

 

Ein Zeitzeuge aus der Generation der Kriegskinder erinnert sich

 

Die Luft war modrig, kühl und feucht. Noch heute kann ich sie riechen, wenn ich an diesen Keller denke. Vorn ein paar Fässer mit selbstvergorenem Most, im mittleren Raum wurden Kartoffeln, Äpfel und Gläser mit Eingewecktem gelagert, dahinter ein halbhohes Gewölbe, mit groben Holzbänken an den Wänden  – der so genannte Luftschutzkeller. Wenn sich alliierte Flugzeuge – tagsüber amerikanische, nachts englische – dem nahen Würzburg näherten, jagten uns die Sirenen in diesen Keller.

Wir waren evakuiert worden, aus dem damals schon regelmäßig bombardierten Düsseldorf in ein angeblich ruhiges Dorf bei Würzburg. Nun wurden wir auch hier bombardiert. Ich war noch viel zu klein, um das alles zu verstehen. Was haften blieb: dieser schreckliche Ton, mit dem „Fliegeralarm’“ gegeben wurde – noch heute halte ich bei Probealarm die Ohren zu.

 

Irgendwer hat im Radio gehört, die Front rücke näher, die Kampflinie laufe genau durch unser Dorf. Für mich heißt das: Raus aus dem Keller! Hastig werden die verbliebenen Kühe vor Leiterwagen gespannt (Pferde gibt es schon lange nicht mehr), wir Kinder legen uns zwischen Strohballen. Wir nehmen die Landstraße Richtung Gramschatzer Wald. Kilometerweit offenes Feld, aber die Obstbäume am Straßenrand sollen etwas Schutz geben. Tun sie aber nicht. Amerikanische Tiefflieger donnern über uns hinweg, vor lauter Angst merken wir nicht einmal, dass sie gar nicht auf uns schießen. Wie sehr mich dieses Bild und dieses Geräusch verfolgen, merke ich Jahrzehnte später, als die US Air Force uns auf einer Journalisten-Informationsreise einen Alarmstart einer B-52-Staffel  vorführt. Im Geiste sehe ich mich wieder im Stroh auf dem Leiterwagen, auf der Flucht vor den Tieffliegern. 

 

Überhaupt, die Geräusche. Sie prägen sich ein, für Jahrzehnte, ein Leben lang. Man hört den Knall einer Explosion, und zugleich hört man das leise Wimmern eines kleinen Jungen im Luftschutzkeller, voller Angst hat vor dem, was da draußen passiert, was er nicht sehen und sich nicht vorstellen kann. Und daneben hört man das fröhliche Händeklatschen der Schwester, der man – damit wenigstens sie keine Angst hat – erzählt hat, das da draußen sei ein Feuerwerk, etwas wunderschönes, und später, wenn sie groß sei, dürfe sie auch dahin gehen.

 

Dass da draußen in Wirklichkeit Krieg ist und keiun Feueerwerk, kann sie nicht sehen. Weil sie blind ist. Bis vor ein paar Wochen war sie die Woche über in der Blindenschule in Würzburg, bis Mutti sie Hals über Kopf heimgeholt hatte. Zufall? Vorahnung? Göttliche Fügung? Ein paar Tage später lag die Schule nach einem Bombenangriff in Schutt und Asche...

 

Unsere Flucht in den Wald endet damit, dass irgendjemand verbreitet, der Krieg sei zu Ende.  Keine Front, keine Hauptkampflinie. Im Dorf sieht alles so aus wie vorher, hier hat niemand gekämpft. Der einzige Unterschied, den wir Kinder bemerken: Wir brauchen nicht mehr in diesen Keller, und es gibt auch kein „Feuerwerk“ mehr.

 

Dann das nächste Gerücht: Amerikanische Besatzungstruppen kommen ins Dorf. Diesmal haben die Erwachsenen Angst, wir Kinder sind neugierig. Das Hoftor bleibt zu, hinter der Mauer lauschen wir näher kommenden Motorgeräuschen. Meine Schwester unterbricht das Flüstern der Erwachsenen: „Ich gehe jetzt spazieren!“ Wie immer um diese Tageszeit. Den Weg bis zur nächsten Kreuzung kennt sie gut, hier kann sie sich am eigenen Trittschall orientieren. Mutti will sie erst zurückhalten, meint dann aber: „Die werden doch einem kleinen blinden Mädchen nichts tun.“

Nach ein paar quälend langen Minuten hören wir draußen ein Auto halten, dann Stimmen in einer fremden Sprache. Mutti hält es nicht mehr aus, reiß5 das Seitentörchen auf – und durch den Spalt kann ich, der mitten im Krieg geborene, erstmals den Frieden sehen. Und so sieht er aus, der Frieden: Schwester Helga, glückstrahlend, in jeder Hand einen Riegel Hershey’s Chocolate, hinter ihr drei US-Soldaten, ein weißer, zwei Schwarze, die entgegen allen Vorurteilen recht freundlich dreinschauten. Was sie sagen, verstehe ich nicht.

Es hieß wohl, wie mir Jahre später als Englischschüler aufging, so etwas wie „same time tomorrow“. Schwester Helga jedenfalls hatte verstanden, machte täglich ihren Spaziergang, und in diesen ersten Nachkriegswochen hatten wir keinen Mangel an Schokolade und anderen Köstlichkeiten des amerikanischen Armeeproviants.

Das Ende des Krieges – für mich war es vor allem das Ende der Angst, der Stunden im dunklen Luftschutzkeller, der Zerstörungen, von denen uns die Verwandten in der rheinischen Heimat berichteten. Es war aber auch der Beginn einer lang andauernden Zeit der Entbehrungen. Hamsterfahrten, spielen zwischen Trümmern, manchmal auch mit durchschossenen Stahlhelmen, Wache schieben beim Rüben oder Kartoffeln „organisieren“, aktive Hilfe beim Kohlenklauen (obwohl vom Kölner Kardinal Frings ex cathedra als „fringsen“ zur lässlichen Sünde veredelt, mit einer Nacht im britischen Militärgefängnis geahndet, für einen Vier-Jährigen nicht gerade erheiternd).

 

Es war auch das bange Warten auf den Vater, der in Italien in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten war. Wie sich später herausstellte, hatte er in der Etappe eines besonders ruhigen Frontabschnitts rechtzeitig Englisch gelernt, machte sich nach der Gefangennahme für die neuen Herren geradezu unentbehrlich und überlebte in der Schreibstube der US-Army wohl um einiges angenehmer als der Rest der Familie daheim in Frieden und Freiheit.

 

Und nicht zuletzt die Sorge um den Onkel, der mit 18 an der Ostfront kämpfen musste, als ich gerade geboren wurde, dessen Spuren sich in Stalingrad verloren, über den bei Familienfesten nur im Flüsterton geredet werden durfte („Ob er wohl noch lebt?“) und der Ende 1955, nach Konrad Adenauers Moskaureise, doch noch aus sibirischer Lagerhaft zurückkehrte – lebend, aber körperlich und seelisch zerstört.

 

Wir, die wir in den letzten Kriegsjahren geboren wurden, in den oft bitteren Nachkriegsjahren aufwuchsen und mit einer neuen Republik erwachsen wurden – diese Generation hat, wenn überhaupt, dann sehr persönliche Erinnerungen an das Ende des Krieges. Wir erlebten es aus der Perspektive des Kindes, wir nahmen wahr und merkten uns, was Drei-, Vier- oder Fünfjährigen wichtig ist. Wie das alles politisch einzuordnen, moralisch und weltanschaulich zu beurteilen, historisch zu erklären ist, lag außerhalb unserer Wahrnehmungswelt.  Wir sahen die Welt, und damit auch das Ende dieses Krieges, mit den Augen des Kindes. Der kritisch-fragende Blick aus der Erwachsenenperspektive – was war da, jenseits unserer direkten Wahrnehmung, geschehen? Wie konnte es geschehen? Wie kann man es für alle Zukunft verhindern? –    eröffnete sich uns erst viel später.

 

Dennoch sind wir, die heute bald 80-Jährigen, wichtige Zeitzeugen. Wir haben wenigstens bruchstückhaft eigene konkrete Erinnerungen. Den Wechsel der Zeiten, die Niederlage des Alten, die Befreiung, der leider nicht immer Freiheit folgte – wir haben es aufgenommen, teils bewußt, teils unbewußt, und ließen uns davon prägen, stärker als die Generationen vor und nach uns.

 

An diesem Datum, das sich bald schon zum 76. Mal jährt, hängt weit mehr als die formelle Besiegelung von Sieg und Niederlage. Es markiert eine Zeitenwende, wie sie radikaler und totaler nicht vorstellbar ist. Heute wissen wir, dass nicht alles, was neu war, auch gut war. Dass es Versäumnisse und Fehlentwicklungen gab und immer noch gibt. Unterm Strich aber haben wir den Übergang in eine neue Zeit doch ganz gut bewältigt. Und wir, diese Generation von Kriegs- und Nachkriegskindern, haben dazu einen ganz wichtigen Beitrag geleistet. Deshalb ist es so wichtig, auch diesen Zeitzeugen öffentlich eine Stimme zu geben, bevor sie für immer verstummen. 

Hans-Jürgen Mahlitz