Unser aller Drama

 

Nach dem Brand der Pariser Kathedrale im April 2019 hielt die Welt den Atem an. Aber nur für kurze Zeit. Bald war das Thema von den Titelseiten verdrängt – und fast schon vergessen.

Die Flammen waren noch nicht erloschen, da hatten die Redakteure von „Libération“ schon das, was Zyniker als „zündende Idee“ bezeichnen würden. Zum ganzseitigen Titelfoto der brennenden Kathedrale Notre Dame stellten sie nur zwei gewichtige Wörter: Notre Drame!

In der Tat: In dieser Nacht von 15. auf den 16. April 2019 war nicht irgendeine Kirche in Brand geraten. Notre Dame de Paris – das war und ist eben nicht nur das zentrale Gotteshaus der katholischen Christen einer Stadt in Frankreich. Notre Dame de Paris ist über alle konfessionellen Grenzen ein zentrales Symbol der  christlichen Religion. Ja, auch über diese Grenze hin­aus Symbol religiösen Denkens und Glaubens schlechthin – ein Ort, an dem Christen, Juden, Muslime, Hinduisten, Buddhisten und alle, die aus Platzgründen hier nicht aufgezählt werden können, zusammenkommen, um das Verbindende über das Trennende zu stellen.

In noch weiterem Sinne ist Notre Dame das Herz Frankreichs. Äußeres Zeichen dafür: Ob in Nîmes oder Lille, in Brest oder Metz – die Schilder mit den exakten Kilometerangaben nach Paris beziehen sich nicht auf den geografischen oder politischern Mittelpunkt der Hauptstadt, sondern auf das Portal der Kathedrale.

Selbst über die Grenze des Nationalen hinaus hat Notre Dame Symbolkraft. Dieser Sakralbau auf der Seine-Insel steht auch für das, was man „Christliches Abendland“ nennt: eine über jahrhunderte bewährte Symbiose von Religion, Kunst und Kultur. Freilich auch für eine nicht immer so strahlende Nähe von Religion und politischer Macht.

Kein Wunder also, dass alle Welt den Atem anhielt. In daseinsbedrohenden Flammen stand hier mehr als ein wertvolles Bauwerk – das Synonym für alles, was diesen Kontinent ausmacht. Das Inferno rückte ins Bewußtsein, wie zerbrechlich unser gesell­- schaftliches und privates Leben ist – Notre Dame, Notre Drame.

Und damit nicht genug: Nach wenigen Tagen war das Thema aus den Schlagzeilen verschwunden, hatte sich weitgehend verlagert auf kleinkarierten politischen Streit darüber, wie lange die Renovierung dauern und wie viel sie kosten würde. Vielleicht haben die Redakteure von „Libération“ es ja in jener Nacht schon geahnt:  Das ist die Sensation für ein paar Tage, bald schon von der nächsten Sensation verdrängt auf die hinteren Seiten und dann ab ins Archiv. 

Das also ist das wahre Drama: ein Zeitgeist, der immer schneller und immer oberflächlicher dem noch Spektakuläreren nachhechelt, der es allenfalls noch schafft, für kurze Momente innezuhalten. Doch das Ham­sterrad des Informationszeitalters dreht sich immer rasanter, der Zeitgeist käme da nicht mehr mit, würde er noch lange fragen, was wichtig ist und was banal. Notre Dame in Flammen – die vielfältige Symbolkraft macht es zu Notre Drame, zuunser aller Drama.      Hans-Jürgen Mahlitz

 

Damals in Notre Dame…

Mit dem Brand kam die Erinnerung – Heiligabend 1983, Festessen in Paris aus familiärem Anlass. Während wir unsere Ente (numéro 614.057, nach Maître Frédérics Rezept, gezählt seit 1890) zerlegen, genießen wir den Blick auf die Île de la Cité und Notre Dame. 

Spät am Abend, bei eisiger Käklte, zurück zum Hotel, weit draußen im XVII. Arrondissement. Aber keine Metro mehr, kein Bus, also losziehen und auf ein freies Taxi hoffen.

Kein Taxi zu sehen, jedoch in der Ferne vertraute Klänge zu hören – wer mag dort wohl singen, um diese Zeit? Wir folgen den Klängen, ohne noch auf den Weg zu achten, merken , als wir vor diesem gigantischen Kirchenportal stehen, nicht mehr, wie kalt es ist, denken nicht mehr an den langen Fußmarsch, den wir wohl noch vor uns haben. 

Wir treten ein. Nein, wir tauchen ein in eine weihnachtliche Stimmung, wie wir sie nie zuvor und nie mehr danach erlebten. Tausende Menschen aus aller Herren, die eins verbindet: ein Lied. In vielleicht 50, vielleicht 100, egal in wie vielen Sprachen, die einen laut, die anderen leise, die einen richtig, die anderen falsch, aber alle aus vollem Herzen – Stille Nacht, Heilige Nacht!

Diese Mitternachtsmesse in Notre Dame – kein Drama kann diese Erinnerung zerstören.               H.J.M.