Schwarzer Freitag im Weißen Haus

Wie die gar nicht schöne neue Welt des US-Präsidenten
aussehen könnte: aufgeteilt in Machtblöcke,
die nur noch dem Recht des Stärkeren unterliegen

Nicht einmal ein Jahrhundert ist es her, da hatte schon einmal ein „Schwarzer Freitag“, von Amerika ausgehend, die Welt erschüttert. Ausgangspunkt war damals die Börse in New York, was für einen, der sich selbst als größten Präsidenten aller Zeiten sieht, durchaus steigerungsfähig ist  – wo anders als im Oval Office hätte ein Donald Trump seinen persönlichen Schwarzen Freitag inszenieren sollen?

Damals, am Freitag, 29. Oktober 1929, brach das internationale Finanzsystem zusammen. Die dadurch ausgelöste Weltwirtschaftskrise war einer der Faktoren, die dazu beitrugen, einem Hitler samt seiner national-sozialistischen Verbrecherbande den Weg an die Macht zu ebnen. Welche Folgen der 28. Februar 2025, dieser Schwarze Freitag im Weißen Haus, haben wird, muss sich erst noch herausstellen.

   

America is back again…

So sieht das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo, vor zehn Jahren selbst Opfer eines
islamistischen Terroranschlags, den „Schwarzen Freitag im Weißen Haus“. Drastischer lässt
sich kaum darstellen, auf welch moralischen
Tiefpunkt der US-Präsident mit dieser
Demütigung des tapferen ukrainischen Präsi-
denten gesunken ist. Damit hat er keines-
wegs „America great“ gemacht. Im Gegenteil, 
damit hat er den von ihm repräsentierten
Teil seinesVolkes in die Gosse gestellt.
Amerika ist nicht wieder, sondern
immer noch da –inzwischen abere ganz unten.

 

 

Auf dem Spiel steht diesmal nicht nur das Wirtschafts- und Finanzsystem. Es geht um nichts Geringeres als den Fortbestand einer Werteordnung, die immerhin über drei Jahrtausende gewachsen ist. Ausgehend von den ersten monotheistischen Schriften, die bis heute den Juden als Thora und den Christen als Altes Testament heilig sind, über die altgriechische Philosophie, die römische Rechtslehre bis hin zur Aufklärung des 18. und zu den Freiheits- und Menschenrechtsdeklarationen des 19. und 20. Jahrhunderts hat diese Werteordnung das Leben in Europa und weit darüber hinaus geprägt – die gängige Bezeichnung „der Westen“ ist weit mehr als eine geografische Einordnung.

Längst haben wir uns daran gewöhnt, diese unsere westliche Werteordnung, diese unsere westliche Lebensweise für alternativlos, unangreifbar, ungefährdet und geradezu gottgegeben zu halten. Was bliebe dem Rest der Welt also anders übrig, als an diesem westlichen Wesen zu genesen? 

Erste Risse zeigte die westliche Selbstsicherheit, als sie von außen angegriffen wurde. Zum Beispiel von islamistischen Terroristen, die kein Problem damit haben, religiöse Motive selbst für übelste Verbrechen vorzuschieben, während bei uns immer mehr Menschen sich von traditionellen religiösen Bindungen lösen. Immerhin halten noch erfreulich viele Menschen dagegen: „Von denen lassen wir uns unsere Lebensart nicht verbieten!“ Nicht von Bin Laden und seinen Nachfolgern, nicht von Putin und den von ihm kommandierten Giftmischern, nicht von Xi und seinen Geschäftemachern, die unseren Handel mit Billig-Schund überschwemmen und für das Geld, das sie damit verdienen, am liebsten jene Modelle von Mercedes, BMW und Audi kaufen, die den meisten von uns zu teuer sind.

Da können wir uns zumindest noch der Illusion hingeben „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt!“ Aber dann kommt die Attacke von innen heraus. Ausgerechnet der Repräsentant jenes Landes, das vielen bislang als absoluter Inbegriff westlicher Lebensart gilt, der Präsident der vermeintlichen Muster-Demokratie USA, schafft es in wenigen Wochen, mal eben die Welt auf den Kopf zu stellen. 

Genauer gesagt: die westliche Welt. Zumindest scheint es so auf den ersten Blick. Die Welt-Sicht des russischen Generalsekretär-Zaren ist unverändert. Für Putin war und ist der Westen allenfalls ein Störfaktor, den er auf Weg zu alter Weltmachtgröße à la Zarenreich und Sowjetimperium früher oder später beiseite zu räumen gedenkt. Auch in Peking wartet man erst einmal ab, ob sich die Dinge im Sinne des Traums eines demnächst anbrechenden „chinesischen Jahrhunderts“ entwickeln. Und in der islamischen Welt hat man „den Westen“ schon immer für dekadent gehalten; der Poltergeist im Weißen Haus tut alles, um das zu bestätigen.

Trump mag ein cleverer Meister der krummen Geschäfte sein. Wie Politik funktioniert und wie man sie positiv gestaltet – solche Gedanken sind ihm fremd. Er umgibt sich mit einem Personal, für das die Bezeichnung „unerfahren“ noch die harmloseste ist. Je nach Tageslaune werden demokratische Institutionen lächerlich gemacht, bewusst provoziert oder einfach ignoriert. Die Macht des Rechts in Form unabhängiger Richter verdreht er zum Recht des Stärkeren. Verträge, Regeln Traditionen, Anstand, Diplomatie – alles eine Frage seiner persönlichen Kosten-Nutzen-Analyse, was Wahrheit ist und was Lüge, „bestimme ich“. Den engsten Freund zum verhassten Todfeind zu machen (oder umgekehrt), ist für ihr allenfalls eine frage von ein paar Stunden. Verlässlich ist nur eins: dass man sich auf nichts mehr verlassen kann, wohl aber mit allem rechnen muss.

Offenbar will der Präsident der westlichen Führungsmacht sein Land so organisieren, wie man das von Drogenkartellen, der Mafia und anderen Formen des Organisierten Verbrechens kennt. Das ist der Führungsstil, den er kennt, mit der er mal zum Milliardär, mal zum Pleitemacher geworden ist – wann was, weiß man nicht so genau! 

Der nächste Schritt wäre dann die Aufteilung der Welt in Machtblöcke, die diesen Prinzipien entsprechen. Dass Moskau und Peking gern dabei wären, ist nicht zu bezweifeln. Unklar ist noch, wo sich die islamische Welt positionieren wird, klar hingegen, dass Europa in einer solchen Welt nur noch eine im Wortsinn untergeordnete Rolle spielen würde. 

Hans-Jürgen Mahlitz